Mediale Entschleunigung in Bamberg

Einleitung

In unserer schnelllebigen Zeit basiert mittlerweile vieles auf Geschwindigkeit. Und dies kann gleichzeitig Fluch und Segen sein. Sicherlich ist es schön, wenn man das Bild oder die Datei, die man gerade jetzt im Moment benötigt, innerhalb von Sekunden per Email verfügbar hat. Oder wenn man alles in Sekundenschnelle im Internet finden und bestellen kann. Das ist Segen.

Mehr Fluch als Segen

Und der Fluch? Ja, den hat derjenige, der am anderen Ende der Medienkette sitzt. Stress durch Nachrichtenflut. Und die Erwartungshaltung bewirkt eben Zeitdruck. Viele versinken förmlich darin oder gehen gar unter. In der Spitze kommt im täglichen Arbeitsablauf angesichts des E-Mails-Ansturms und der Internetaufträge kaum noch persönlicher Kontakt zustande. Alles wird durch die rasante Geschwindigkeit viel zu schnell für das Menschliche.

Manch einer wünscht sich in einer solchen Situation die gute alte Zeit zurück. Dies war damals, als man noch telefonierte, die Post nur einmal am Tag in Papierform kam und Bestellungen erst nach intensiver Katalog- und Prospektstudie gewissenhaft ausgelöst wurden. Keiner erwartete zu jener Zeit, dass das Bestellte innerhalb weniger Minuten/Stunden/Tage eintreffen würde.

Oder die modernen Handy-Dramen. Jede freie Sekunde wird der kleine Computer aus der Hosentasche geholt, draufgeschaut, gescrollt und getippt. Und das wissenschaftlich belegt über 200 Mal pro Tag. Immer auf der Suche nach dem nächsten Kick. Nur nichts verpassen. Und nur keine Langeweile haben. Die Welt um sich herum vergessen lassen, aus dem Alltag entfliehen. Hinein in eine konsumbestimmte Scheinwelt.

Das tägliche Dilemma

Zu meinem Leidwesen treffen diese Horrorszenarien auch auf meinen beruflichen und privaten Alltag zu. Das Handy hat leider auch mich seit mehreren Jahren fest in seinen Bann gezogen. Zwar ohne Facebook, aber dafür mit WhatsApp und überall verfügbarem Internet. Auch gefühlt 200 Mal am Tag.

Dazu wird der tägliche Wahnsinn im Büro zu einem großen Teil vom Faktor „Zeit“ regiert. E-Mails bestimmen das alltägliche Arbeitspensum. Waren es früher noch vereinzelte, überschaubare Mengen, so reißt einen heute die E-Mail-Flut förmlich in einen Strudel, der vermehrt unübersichtlich wird und scheinbar keinen Boden hat.

Die Lösung

Um eben diesen festen Boden wieder unter die Füße zu bekommen und die Erdung zu finden, hilft nur eine Auszeit. Raus aus dem Hamsterrad. Entfliehen aus der Geschwindigkeit des Alltags. Mehr Zeit in die Natur. Verzicht auf die Medien, auf den Stress und „lieber Zeitdruck, lass du mich in Ruhe“.

Die Umsetzung muss nicht aufwendig sein. Ein paar Tage in eine andere Welt, eine naturbezogene und ohne medialen Konsum, einzutauchen, ist nicht teuer und bedarf keiner großen Planung. Ganz einfach praktiziert mit stumm- oder gar ausgeschaltetem Handy, strikter Internet-Abstinenz. Kombiniert mit einem schönen Buch wirkt dies wahre Wunder.

Im letzten Jahr verband ich diese wertvolle Auszeit mit Sprachurlaub im Elsass. Das Ergebnis war ein sehr erholsamer, kraftgebender Urlaub, auch wenn die Sprache etwas auf der Strecke blieb. Siehe meinen Blog Sprachurlaub im Elsass. Ich erfuhr Entschleunigung und Entspannung in reinster Form. Die Zeit dort war so prägend, dass auch in 2019 wieder ein solcher Urlaub geplant war. Ziel der Entschleunigungstage in 2019: Bamberg. Dieses Jahr nach dem Motto: aktiv entschleunigen. Und das natürlich wieder im Frühling – meiner Lieblingsjahreszeit.

Vorbereitung

Ein kleines, attraktives Landhotel, schöne Radstrecken und tolle Wanderrouten lockten. Und eine überschaubare Menge an Vorbereitung:

  • Terminfindung: Ende April auf den ersten Mai – perfekt
  • Urlaubseinreichung in der Firma: 29. und 30.04. – kein Problem
  • Übernachtung: Landgasthof Schiller in Strullendorf (nahe Bamberg) – ruck-zuck im Internet gebucht
  • Rad- und Wandertouren – über Komoot schnell gefunden und offline heruntergeladen

So war in Windeseile alles für einen perfekten Kurzurlaub angerichtet. Diesmal spontan kurzfristig, sodass auch die Wartezeit nicht groß ins Gewicht fiel. Wenige Tage später ging es auf die Strecke.

Montag, den 29. April 2019

Aufbruch

Das Wochenende war geprägt von einem imponierenden Konzertbesuch am Sonntagabend (Zoom Frankfurt mit Alexa Feser) und Kofferpacken zwischendurch. Gegen 9 Uhr am Montagmorgen wurden noch schnell der Fahrradträger montiert, das Rad aufgeschnallt und alles ins Auto gepackt. Kurz darauf ging es bei leicht bewölktem Himmel ab auf die Piste. Knapp 180 Kilometer, also mit angeschnalltem Fahrradgepäckträger maximal zwei Stunden Fahrt. 

Der leicht bewölkte Himmel versprach einen idealen Tag mit einem entspannten Ankommen und anschließender erster Radtour. Für einen tollen ersten Urlaubstag war quasi alles perfekt angerichtet.

Ankommen und los!

Gegessen wurde dann jedoch anders. Denn dieses perfekt angerichtete Urlaubswetter trübte sich zu meinem Leidwesen mit jedem gefahrenen Kilometer ein wenig mehr ein. Je mehr ich mich dem Urlaubsziel näherte, desto zahlreicher, dichter und vor allem dunkler wurden die Wolken. Just in dem Moment, als ich auf den Parkplatz des Hotels fuhr, fielen die ersten Regentropfen. Erste Risse in der Standhaftigkeit meines Vorhabens bildeten sich. Aber sollten diese wirklich mein erstes Vorhaben torpedieren? Nein. Aufgeben war keine Option. Also ging es nach dem Check-in in dem wirklich sehr sympathischen und attraktiven Landgasthof Schiller flugs hinauf ins Zimmer, hinein in die Radlerklamotten und ab aufs Rad. Und in den Nieselregen. Und noch schlimmer: dieser ging zusehends in konstanten Regen über.

Schietwetter am ersten Tag

Von A nach B – Plan A fiel ins Wasser

Stärke bedeutet auch, sich Niederlagen einzugestehen. Und so bewies ich nach 5 Kilometern Stärke und drehte um. Vom Regen ausgebremst, ging es klatschnass ins Hotel und zum Aufwärmen unter die Dusche. Jetzt musste ein Plan B her. Und der bestand aus dem Besuch der Bamberger Innenstadt. Regenfeste Kleidung an, per Auto ins dortige Parkhaus und ab in den Trubel. Ohne festes Ziel den Ort wirken lassen und einfach das tun, wonach einem ist. Und gerade das erwies sich als der perfekte Einstieg ins Loslösen und Abschalten. Durch den Stadtkern schlendern, die wirklich sehenswerten Örtlichkeiten anschauen und dazu die Leute beobachten. Ganz ungezwungen mehr oder weniger lange in den Geschäften verweilen und die Zeit dahinfließen lassen.

Ja, auch das ist Urlaub. In diesem Fall zwar nicht ganz freiwillig, aber dennoch schön. Und gerade im Stadtkern Bambergs gibt es viele Buchhandlungen, die quasi zum Verweilen und Entschleunigen einladen. Durch die Regale schlendern, „Schätze“ entdecken, sich in die einladend platzierten Sessel fallen lassen und in die Bücher eintauchen.

Stundenlang hätte ich das genießen können. Wäre da nicht das laute Magenknurren gewesen. Eine Kollegin gab mir im Vorfeld den Tipp, unbedingt in der City in die Brasserie zu gehen. Regionale Gaumenfreuden und Burger – genau mein Ding. In der Tat ein toller Rat. Denn die typisch fränkische Küche und das entspannte Ambiente beschlossen meinen Regentag auf sehr angenehme Weise. Dort ließ ich den Tag ausklingen, machte mich anschließend auf ins Hotel und zog mich zufrieden mit einigen erworbenen Schätzen auf mein gemütliches Zimmer zurück.

Mission erfüllt. Einen tollen Tag erlebt, entspannende Stunden verbracht und schöne Momente genossen. Kein Internet, kein WhatsApp, kein Fernsehen und keine Anrufe. Und noch besser: das ging sogar ohne Planung. Richtig unheimlich war mir der Gedanke. Aber so konnte es ruhig weitergehen. Ein bisschen mehr Sonne und etwas weniger Wasser vom Himmel hätten das Glück perfekt machen können. Aber das sollte dann hoffentlich am kommenden Tag geschehen.

Dienstag, den 30.04.2019

Start in den Tag

Direkt nach dem Aufwachen kurz nach sechs der Sprung ans Fenster. Wie ist das Wetter? Ich will raus in die Natur! Und in der Tat: alle meine Wünsche sind über Nacht in Erfüllung gegangen. Die Sonne scheint. Es ist mit 8 Grad zwar noch frisch, aber keine Regenwolken weit und breit.

Also direkt in die Wanderklamotten und runter ans Frühstücksbüfett. Außer einem weiteren Gast in der Ecke bin ich der einzige so früh am Tisch. Kann ich gar nicht verstehen, denn das angebotene Büffet war außergewöhnlich gut. Reichhaltig, frisch und ausgesprochen lecker. Wie für das Hotel insgesamt auch hierfür volle Punktzahl.

Tour 1 – Wandern

Meine Tour für heute früh sah eine kurze Anfahrt zum Örtchen Muggendorf vor, dann die Komoot-Tour „Quackenschloss – Höhle unter der Riesenburg Runde von Muggendorf“ mit insgesamt knapp 14 Kilometern, über 430 anspruchsvollen Höhenmetern bei 4 Stunden Wanderzeit.

Im morgendlichen Frühverkehr traf ich um 9 Uhr am Startpunkt ein und machte mich auf den Weg. Es ging steile Bergwege hinauf, durch dichte Wälder und wunderschöne Täler. Die wenigen Menschen, die ich anfangs auf meiner Tour traf, waren alleine unterwegs. Vermutlich ebenso Natursüchtige wie ich, den frühen Morgen nutzend, um die Nähe zur Natur mit all ihren wunderschönen Facetten zu genießen. Gegen Mittag wurden die Wanderer zahlreicher und die Gruppen größer. Manch einer hielt für ein kurzes Pläuschchen an und wir tauschten Wegerfahrungen und Erlebtes aus.

Von Parkplatz ab auf die Wanderstrecke

Magische Momente unterwegs

Die Strecke bot in der Tat einige Höhepunkte. Zum einen überwältigende Aussichtsstellen über das komplette Tal, zum anderen für den Wandertouristen liebevoll hergerichtete Orte zum Verweilen und Entspannen. Diese Mischung machten sowohl das Laufen, als auch die Momente des Stillstands zu einem tollen Naturerlebnis.

Gerade der Weg durch das märchenhafte Quakenschloss – ein riesiger ausgehöhlter Felsen mit Blick in das Tal – und die Riesenburg waren Momente, die Verbundenheit mit und gleichzeitig Demütigung vor der Natur auslösten, so überwältigend waren die Bilder.

Auch der riesige Adlerstein ganz oben auf der Anhöhe, auf den man über eine Leiter hochkraxeln konnte, war aller Anstrengung wert. Dort oben in der Morgensonne sitzend, sein Vesperbrot kauend und den Lauten der Natur zuzuhören. Wunderschön und nicht in Worte auszudrücken. Man lässt all seine Sorgen liegen und verschmilzt vollends mit den Eindrücken und dem Moment.

Leider lassen sich Gerüche, Gefühle und diese Augenblicke des Glücks nicht in Worte fassen. Ich versuche es mal mit Bildern, die ich in diesen Momenten geschossen habe. Lasst euch anstecken von diesen Oasen der Entspannung, der Aktivierung und der Natur. Der Fotoapparat war übrigens das einzige „moderne“ Medium, das den Weg in meine Hand gefunden hatte. Jede Sekunde auf das Handy wäre Verrat an den schönen Moment gewesen.

Eingang Riesenburg
Riesenburg von innen

Tour 2 – Ab auf’s Rad

Nach meiner Rückkehr am Hotel und einer kleinen Rast ging es ab aufs Rad. Es ist ja nicht nur die Stadt, sondern auch das Drumherum, was Bamberg so einzigartig macht. Und dies wollte ich heute bzw. auch am Folgetag per Rad erfahren. Wieder eine Komoot-Tour. „Schloss Seehof Runde von Bamberg“. Diesmal 38 Kilometer mit 260 Höhenmetern. Abfahrt hier am Gasthaus Schiller.

Start in Moll

Trotz optimaler äußerer Bedingungen war der erste Teil der Fahrt recht enttäuschend. Natürlich ist Bamberg mit reichlich Radwegen gesegnet, was ich auch an diesem und am folgenden Tag erfahren und genießen konnte. Aber die erste Hälfte der Strecke führte vorwiegend über Landstraßen bzw. Radwege entlang dieser und außer Straßen, Feldern und Wiesen fanden sich keine sehenswerten Stellen.

Erstes Highlight war am Stadtrand Schloss Seehof, ein wirklich beeindruckendes Bauwerk. Die Sommerresidenz der Bamberger Fürstbischöfe. Der große und sehr gepflegte Schlosspark, in dem ich kurz Rast machte, erzeugte mit dem im Hintergrund stattlichen Bauwerk ein sehr erhabenes Gefühl und lud zum längeren Verweilen ein. Trotz dieser Verlockung ging es nach nur kurzer Rast weiter mit dem Rad. Ab in die Stadt. Auf Radwegen entlang der Hauptverkehrsstraßen hangelte ich mich in die City. Es ging über Brücken, über Kopfsteinpflaster, über Parkanlagen und auch teilweise direkt auf den Hauptstraßen mitten durch die Stadt. Also bis hierher radfahrtechnisch kein Highlight.

Schoss Seehof am Ortsrand von Bamberg

Ausrollen in Dur

Der Schwenk auf den Fahrradweg entlang des Main-Donau-Kanals brachte dann die erhofften Momente, die ich mir für eine tolle Fahrt in einer fahrradfreundlichen Stadt vorgestellt hatte. Der Sonne entgegen fuhr ich entlang des Kanals auf perfekten Radwegen. Mit der Ruhe des Wasserlaufs und ohne große Steigungen kam endlich der Genuss. Der Kanal erhaben in der Mitte fließend, am Ufer die durch den Frühling erweckte Natur mit all ihren saftig, farbigen Flächen, Frühlingsdüften und wohliger Wärme.

Main-Donau-Kanal außerhalb Bambergs

Ab da lud jeder kleine Baumstamm am Ufer zur Rast und zum Verweilen ein. Mehrmals musste ich dieser Einladung auch folgen. Unvergesslich die Momente der Rast am Ufer. Auf einem Baumstamm sitzend, schaute ich den Enten gegenüber am Ufer zu, die entspannt in der Sonne ihre Kreise drehten. Sichtlich vergnügt und nach dem gestrigen Regen die warmen Strahlen aufsaugend trieben sie friedlich auf dem Wasser. In diesem Moment schmeckte das Mineralwasser in meiner Trinkflasche wie der beste Wein und jeder Bissen vom Energieriegel war der Beste, den ich je genießen durfte. Das sind die Momente der absoluten Entschleunigung. Nur dasitzen, den Moment genießen, die Umgebung aufsaugen und die Gedanken treiben lassen.

Berauscht von diesen Eindrücken verlief der Weg zum Hotel trotz manch nicht so attraktiver Landstraße und desöfter kleinerem Anstieg entspannt und nach knapp zwei Stunden stand ich mit meinem Tagewerk zufrieden unter der Dusche.

Rast in der Sonne am Main-Donau-Kanal

Tagesabschluss

Der Ausklang dieses sonnigen und aktiven Tags erfolgte mit einem deftigen, aber guten Mahl im Restaurant des Gasthofs und abschließendem Verdauungsspaziergang. Rückblickend war das ein wirklich toller Tag. Genau nach dem Motto „Aktives Entschleunigen“.

Was ich aufgrund der Erlebnisse auch heute gar nicht vermisste, war das, was außerhalb meiner schönen Urlaubswelt geschah. Zu schön war das Jetzt und Hier, um es mit WhatsApp-Nachrichten, sozialen Medien oder zumeist negativen Meldungen aus der Welt zu verderben. Diese Einstellung schien auch hier in Franken unüblich zu sein. Als ich im Restaurant saß, auf mein Essen wartete, mich zufrieden zurücklehnte, dem Treiben im Raum zuschaute und einfach nur den Augenblick genoss, sprach mich die Kellnerin an. Sie wunderte sich, dass es doch noch Menschen gibt, die beim Warten nicht automatisch die kleine Kiste aus der Tasche ziehen, Mail checken, im Internet surfen oder einfach nur wild darauf herumtippen, und die Zeit zu überbrücken. Dies schien auch in diesem Fleckchen Erde nicht mehr Usus zu sein und gleich aufzufallen.

Mittwoch, den 01. Mai 2019

Feiertagsruhe

An diesem Tag musste ich den Aktivitäten des Vortags Tribut zollen. Statt um 6:30 Uhr war ich heute erst um 8:00 Uhr am Frühstücksbüfett. Selbst das war den anderen Hotelgästen an diesem Feiertag noch zu früh, denn wieder war ich alleine auf weiter Flur. Als ich eine halbe Stunde später zufrieden den Frühstücksraum verließ, trudelten die ersten Mitbewohner zum Frühstück ein.  Jetzt Packen!!!

An diesem Tag stand wieder eine Tour mit dem Rad an. War ich am gestrigen Tag noch über den östlichen Randbereich in Bambergs Innenstadt gefahren, sollte es diesmal über die Westschleife gehen. Ich wählte die Komoot-Tour „Von Regnitzfähren (Pettstadt) nach Radweg am Main-Donau-Kanal zwischen Bamberg und Hirschhaid“. Abweichend der Vorgabe wollte ich in Pettstadt starten und die Fähre, die als Highlight der Tour gepriesen wurde, erst zum Ende der Fahrt nehmen. Frei nach dem Motto: das Beste kommt zum Schluss.

Aufbruch

Nach dem Check-out war das Auto schnell gepackt, das Rad auf den Fahrradträger aufgeschnallt und ab ging es nach Pettstadt. Und am hiesigen Sportplatz fand sich der ideale Startpunkt der Radrundreise.

Parkplatz Pettstadt – Ab auf die Tour

Leider befand sich an diesem Morgen keine strahlende Sonne am Himmel. Es war dunstig und folglich war zu meinem Leidwesen die Sonne über dünnen Wolkenfeldern verborgen. Aber glücklicherweise weit und breit kein Regen in Sicht.

Über schöne Radwege, auch teilweise über wenig befahrene Nebenstraßen, ging es erst einmal in kleinere, liebevoll gepflegte Orte in der näheren Umgebung Bambergs. Ich erlebte tolle (Neben-) Strecken im Wald, entlang kleinerer Flüsse und gelangte schließlich nach einem langgezogenen Waldweg über Randbereich der Stadt in die Innenstadt. Diese Strecke in Bamberg führte über viele kleinere Brücken, zeigte die schönen, direkt an der Regnitz gelegenen, Häuser und lief auch über gepflegte Parkanlagen. Abweichend von der gestrigen Tour erfuhr ich heute die attraktiven und sehenswerten Orte der Stadt. Immer wieder fand sich ein schönes Plätzchen zum Staunen und Genießen.

Blick über den Main-Donau-Kanal
Klein-Venedig Bamberg

Highlight

An der anderen Uferseite des Main-Donau-Kanals entlang gelangte die Tour schließlich zu einem Übergang, an dem eine kleine Fähre Fußgänger und Fahrradfahrer auf das andere Ufer, ca. 20 Meter entfernt, übersetzte. Das war sie also, die angekündigte Regnitzfähre. Sie befand sich gerade am anderen Ufer und es trudelten langsam weitere übersetzwillige Radfahrer ein.

Warten an der Regnitzfähre

Während des Wartens und Übersetzens gab es immer wieder Momente des kurzen Plauschs. Den beiden Fährführern zuzuschauen, die entspannt und professionell die wartenden Menschen mit ihrer Fähre übersetzten, brachte Momente der Ruhe und Entspannung. Dies wirkte ansteckend und wieder brachte es mein Wort des Urlaubs,  die „Entschleunigung“, auf den Punkt.

Nach knapp 50 Kilometern Fahrt kam ich dann gegen 13 Uhr am Auto an und macht mich gemütlich ans Aufschnallen des Fahrrads. Nach einem kräftigen Schluck aus der Pulle ging es auf den Weg nach Hause. Knapp 2 Stunden später war ich an meiner Haustüre. Der Gedanke, der sich während der Fahrt festsetzte: Diese drei Tage waren ein voller Erfolg.

Zurück im Trott

Wieder im Berufsalltag hielt die während der drei Tage erfahrene und erlebte Entspannung nicht sehr lange an. Dies lag aber nicht an der Qualität der Entschleunigung, sondern an der angestauten Arbeit. Denn wie bei vermutlich jedem anderen auch, gibt es keine lieben Heinzelmännchen, die während der Abwesenheit heimlich still und leise alles abarbeiten, wegräumen und so einen kompletten Neustart ermöglichen.

Fazit

Es hat tatsächlich geklappt. Ziel voll erfüllt.

Drei Tage komplettes Abschalten funktioniert. Spontan aus der Alltagstretmühle entfliehen, eine neue Umgebung erleben, schöne Erfahrungen machen und vor allem Ablenkung haben. Diese Kombination hat das Vorhaben des totalen Medienentzugs perfekt generiert.

Noch ein paar Worte zu meinem Motto „Aktiv entspannen“. Dies mag für manch einen wie ein Widerspruch in sich klingen. Wie kann man sich entspannen, indem man sich sportlich bzw. wandernd fortbewegt? Entspannen bedeutet doch, loszulassen bzw. nichts zu tun.

Wer aber schon die Erfahrung gemacht hat, mit allen Sinnen in eine neue Welt einzutauchen, kann meine Erfahrungen gut nachvollziehen. Wer nicht das Ziel, sondern den Weg als das Ziel definiert, erlebt über die Anstrengung – das Bewegen – seine Entschleunigung. Eine Beruhigung der hektischen Gedanken, der Sinne und letztendlich auch das Finden der inneren Ruhe.

Eine Ruhe, die nicht durch gehetzte Blicke auf Bildschirme, nicht durch nervöses Hervorkramen der Telefone und das Gefühl des Verpassens gestört wird.

Des Pudels Kern

Diese Tage in Bamberg taten richtig gut. Die Zeit ohne Zeitgefühl und -druck sowie die Aktivitäten über den Tag brachten Ablenkung von der medialen Welt und kein einziges Mal spürte ich das sonst gewohnte Verlangen zum Griff ans Telefon. Zu schön war das Erlebte und natürlich hatte mich auch der Ehrgeiz gepackt, diese Abstinenz konsequent durchzuziehen.

Die erlebten Tage zeigen aber auch, warum Medien und Smartphone in unseren Gewohnheiten so tief verankert sind. Es ist die Ablenkung die sie uns bringen. Und kombiniert mit ständigem Informationsverlangen und dem fehlenden Kick in unserem eingeschliffenen Tagesablauf eine dankbare Ablenkung. Medien dienen so quasi als ein Belohnungssystem, welches wir in Form des Handys immer bei uns tragen. Und je mehr wir Belohnung benötigen, umso mehr kommt es in die Hand. Dank lückenlosem, mobilem Zugang immer und überall.

Wer seinen Tag umstrukturiert, immer wieder Highlights einbaut und so andere Arten der Belohnung schafft, verringert das Verlangen nach Medienkonsum. Das funktioniert nicht immer, denn bei vielen klappt das leider nur theoretisch. Denn jeder Mensch ist anders, das ist klar. Und viele greifen ganz unbewusst zum Medium Smartphone. Da ist der Griff bereits in Fleisch und Blut übergegangen.

Und vielen von uns ist sicherlich gar nicht mehr bewusst, wie medial abhängig wir bereits sind. Wir können gar nicht mehr ohne. Auf die Frage nach dem Warum kommt meist die Antwort, dass wir ohne das Medium Smartphone gar nichts mehr organisieren können, nichts mehr laufe. Wer aber bewusst den gelegentlichen, zeitweiligen Verzicht praktiziert, merkt bei solchen Gelegenheiten, wie schön doch die Welt außerhalb der kleinen, leuchtenden Kiste ist.

Also ganz klar Daumen hoch für diese Art der Erfahrung.

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