Haustiere brauchen mehr als Futter und Liebe

Begegnungen

Per Zweirad

Im Spätherbst 2020 auf meinem Weg zur Arbeit. Es versprach ein schöner Tag zu werden und deshalb wollte ich das Dienstrad, welches mir mein Arbeitgeber extra für solche Zwecke günstig finanziert, nutzen. Ich startete in der Frühe gegen halb sieben im Dunklen dem Sonnenaufgang entgegen. Und mit jeder gefahrenen Minute blickte die Sonne mehr am Horizont hervor und hüllte mich in ihre wohltuende Wärme.

Der Arbeitsweg durch den idyllischen Ort Neuhof bei Fulda führt zu einem großen Teil auf einem ausgebauten Radweg entlang. Am Ortsausgang folgt dann das schönste Teilstück. Sanft schmiegt sich dort eine langgezogene Linkskurve direkt an ein rechts daneben schlängelndes Flüsschen. Und dazu das farbenfrohe Wechselspiel der Sonne mit den überhängenden Ästen und Blättern. Momente, die die Entscheidung, den beschwerlicheren Weg mit dem Rad auf sich zu nehmen, immer wieder auf wunderbarste Weise bestätigen. Ich genoss die Anstrengung.

Hund aus Kfz-Fenster by Andre Zanelatto auf unsplash

Doch plötzlich etwas Unvorhergesehenes. Ein entgegenkommendes Fahrzeug. Ein Kleinwagen. Zwar in verhaltenem Tempo, aber der gehörte da definitiv nicht hin. In meinen Gedanken versunken, hatte ich mit so etwas natürlich nicht gerechnet. Der Schreck fuhr mir in die Glieder und ich reduzierte schnell das Tempo.

Nach kurzem Sammeln der Sinne fiel mir ein mittelgroßer Hund auf, der neben dem Fahrzeug hersprang. Aus dem Fahrerfenster hing eine lange Leine, die mit dem Kopf des Hundes verbunden war. Ich zügelte weiter mein Tempo und fuhr ganz behutsam weiter. Am Fahrzeug angekommen, wollte ich mich dann elegant an Hund und Kleinwagen, der leicht in Fahrtrichtung rechts versetzt über die Mitte des Radwegs hinaus weiterfuhr, vorbeischlängeln. Doch plötzlich ging unverhofft die Fahrertür des Fahrzeugs auf. Die einzige Insassin, wohl gedanklich ebenso wie ich ein paar Sekunden zuvor in einer anderen Welt, hatte mich gerade eben erst bemerkt. Als erste Reaktion wollte sie den Hund, den sie gerade „ausführte“, eilig ins Auto ziehen.

Meine Vollbremsung rettete mich vor dem schmerzhaften Zusammenprall mit der Tür und ich tat meinen Unmut offen kund. Kopfschüttelnd fuhr ich weiter. Wie wohl auch die ältere Dame, die offensichtlich nicht damit gerechnet hatte, dass auf ihrem Radweg tatsächlich ein Radfahrer vorbeikommen könnte. Die Begegnung ging mir den ganzen Tag nicht aus dem Kopf.

Per Pedes

Es ist Anfang 2021. Wir haben wieder mal Lockdown. Corona lässt grüßen. Und damit verbunden die Aufforderung meines Arbeitgebers, möglichst oft von zu Hause aus zu arbeiten. An einem solchen Tag nutzte ich die Mittagspause, um mir mal schnell um unser Dörfchen herum die Beine zu vertreten. Es war ein herrlicher Tag und zudem hatte es die Nacht zuvor geschneit. Bei Sonnenschein im frisch gefallenen Schnee dahinstapfend, genoss ich die herrlich frische Luft, die Ruhe und die Einsamkeit.

Dog and Car by Glenna Haug auf unsplash

Während des Erklimmens eines kleinen Hügels tauche es plötzlich auf. Ein lautes, überdrehtes Motorengeräusch. Offensichtlich ein PKW. Ein potenter, also leistungsstarker Wagen. Aber was um Himmelswillen machte der da? Meine Neugier war geweckt und ich beeilte mich, die letzten Schritte den Hügel hinaufzulaufen, um meinen Wissensdurst zu stillen.

Von Weitem konnte man ihn dann schon sehen. Einen mächtigen, dunklen Range Rover, der mit irrem Tempo über die mit Schnee bedeckten Feldwege bügelte. Dabei schien er seine helle Freude zu haben, denn trotz wilden Schlitterns auf dem glatten Untergrund ließ er davon nicht ab. Neben dem Fahrzeug, davor oder auch mal dahinter tanzte ein dunkler Punkt, der sich langsam als Hund manifestierte. Das Fahrzeug bestimmte das Tempo des Hundes und dieser rannte entsprechend im Schnee um den Range Rover herum.

Eine surreale Situation, die so gar nicht in die Idylle des Moments passen wollte. Sogleich kam mir die Begegnung mit der Hundeausfahrerin damals in Neuhof in den Sinn. Und der Ärger über diese bequemen Hundebesitzer, die ihre Hintern nicht bewegen wollten, um ihr Tier so wie es sich gehört auszuführen.

Sinn und Sinnhaftigkeit

Ihr lest, dass ihr von meiner Seite absolut kein Verständnis für diese Art der Haustierbewegung erwarten könnt. Seinen Hund mit dem Auto zum Gassigehen zu bewegen, ist für mich grober, gefährlicher und dekadenter Unfug.

Lärm, Umwelt, Sicherheit, Bewegung und vieles mehr. Tausend Gründe, die aus meiner Sicht dagegensprechen. Aber vielleicht ist das Ganze ja auch viel zu einseitig gedacht und ich tue den beschriebenen Personen großes Unrecht. Vielleicht haben die ältere Frau am Ende der Leine und der rasende Geländewagenmann gute Gründe für ihr Tun.

Und genau deshalb versuche ich nachfolgend, die Situation aus den unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Vielleicht findet sich beim Blick durch deren Brille ja doch ein wenig Verständnis für ihr Handeln.

Perspektiven

Aus Sicht der Dame im Kleinwagen

Vielleicht ist sie schon lange in Rente, alleinlebend, hat als einzigen verlässlichen Freund ihren süßen Zwergschnauzer, der ihr die einsamen Stunden mit seiner Anwesenheit versüßt. Er hört ihr geduldig zu, liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab, freut sich überschwänglich, wenn sie zur Haustüre hereinkommt und weicht ihr auch in schlechten Zeiten nicht von der Seite.

My Dog and my Car by Pixaby

Sie kann seit einiger Zeit nicht mehr so gut laufen. Und das ist sehr hinderlich. Denn der Hund benötigt seinen Auslauf, um für sein kleines und größeres Geschäft den benötigten Raum zu bekommen. Vor kurzem hat sie ein stilles Pfädchen etwas außerhalb in der Nähe des Flusses entdeckt, auf dem sie für eine oder zwei Stunden dem Hund das bieten kann, was er so sehr verdient. Bis vor Kurzem ist sie noch mit dem Auto dorthin gefahren, ausgestiegen und die paar Schritte mit ihm zusammen gegangen. Das Gehen fällt ihr jedoch immer schwerer, sodass sie jetzt komplett aufs Fahrzeug umgestiegen ist. Sie fährt, er läuft.

Dass es gerade auf dem Radweg besonders gefährlich ist, ist ihr nicht bewusst. Sie ist nie Rad gefahren und denkt sich nichts Schlimmes dabei. Und mit der Leine in der Hand hat sie ja auch jederzeit die Möglichkeit, auf entgegenkommende Personen zu reagieren.

Aus Sicht des rasenden Geländewagenfahrers

Er ist Jäger. Sein Hund, bestens abgerichtet, benötigt als Jagdhund Auslauf. Viel Auslauf. Die Zeit ist oft knapp und warum dann nicht einfach mal das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden? Denn gerade der in der letzten Nacht frisch gefallene Schnee bietet sich bestens dafür an, die Geländefähigkeit des Range Rovers auszutesten. Mal mit dem Auto richtig Gas geben, die weißen Straßen und Feldwege entlangbrausen, dass es eine Freude ist. Und gleichzeitig dabei den Hund mit reichlich Auslauf beglücken.

Dass er damit das Tier überfordern oder gar gefährden könnte, kommt ihm in diesem Moment nicht in den Sinn. Auch hat er nicht darüber nachgedacht, was passieren könnte, sollte ein anderer Hundebesitzer seinen Hund auf der gleichen Strecke ausführen, auf der er entlangbügelt. Vom Umweltgedanken ganz zu schweigen. Er tut ja genug auf seinem Hochsitz, damit die Natur ihre rechte Balance findet.

Aus Sicht des stillen Beobachters

Unberührte, gerade erwachende Natur an einem hübschen Bach bzw. die ersten Fußabdrücke im frisch gefallenen Schnee. Es ist schön ruhig, der Weg ist frei und ich genieße den Moment auf dem Rad bzw. auf Schusters Rappen. Dann die unverhofften Begegnungen.

Doch was stört mich eigentlich daran?

Das Handeln der beiden Personen in ihren rollenden Kisten ist für Mensch und Tier gefährlich und für die Natur nicht unbedenklich. Neben den Abgasen und dem Lärm, die das derartige Ausführen des Hundes erzeugen, ist der Sinn des Hundebesitzes komplett auf den Kopf gestellt. Denn ein Hund sollte auch ein Grund sein, sich zu bewegen, alles hinter sich zu lassen und etwas Strecke auf eigenen Füßen zu bewältigen. Die Natur genießen, entschleunigen und die gemeinsame Zeit mit dem Vierbeiner verbringen. Und das in guten wie in schlechten Zeiten. Zusammen bei Sonnenschein die ersten Strahlen in der Botanik einfangen. Frisch gefallenen Schnee gemeinsam genießen.

Ist es andererseits nicht das Schöne am Hundehaltersein, bei Wind und Wetter die dicke Jacke anzuziehen und rauszugehen? Sich zu bewegen, wenn viele andere nicht den Mumm haben, das Haus zu verlassen. Man kann die regelmäßige Stunde Auslauf zum Ritual zu machen und diese gemeinsam vollziehen. Einfach mal die Ruhe genießen und dem lieben Vierbeiner reichlich Zeit zum Schnüffeln, Pieseln und Kackern geben. Und nebenbei etwas für seine Abwehrkräfte zu tun.

Abwägung

Sicherlich sind die Gedanken des stillen Beobachters sehr idealisiert. Nicht jeder hat stundenlang Zeit, sich seinem Tier zu widmen. Und dann nimmt man einfach mal schnell die Abkürzung, also das Auto. Darin ist es warm, man muss sich nicht extra anziehen und das, was man in vielleicht einer Stunde zurücklegt, ist in 15 Minuten erledigt. Zumal die Bewegung ja dem Hund und nicht dem Besitzer zugedacht ist. Ganz besonders, wenn man vielleicht selbst nicht gut zu Fuß unterwegs ist.

Scheibe und Hund by Mason Jones auf unsplash

Aber muss es denn gleich das Auto sein? Gibt es keine Alternativen?

Für die ältere Dame ein paar Nachbarskinder oder Freunde, die sich sicher darüber freuen würden, wenn sie den süßen Hund einmal ausführen dürften. Oder gemeinsam etwas nach außerhalb fahren und dort ganz langsam ein paar Meter gemeinsam zurücklegen. Es muss nicht viel und weit sein. Wer den Weg ins Auto schafft, kommt sicherlich auch behutsam in freier Natur voran. Ein Hund hat wirklich keine großen Ansprüche und benötigt nicht viel, um auf seine Kosten zu kommen. Auch einfaches Schnüffeln und Markieren sind was ganz Tolles für die lieben Vierbeiner.

Der bequeme Geländewagenfahrer hat vielleicht wenig Zeit, was auch in Bezug auf seinen Hund gilt. Aber jeder, der solch ein tolles Tier sein Eigen nennt, weiß, dass ein Hund nicht einfach so nebenbei läuft. Er benötigt Pflege, Zuneigung und eben auch Auslauf. Dem sollte man sich vor der Anschaffung bewusst sein. Und wer viele Stunden auf dem Hochsitz verbringt, kann auch mal eine halbe Stunde dafür opfern, mit seinem Tier zu laufen.

Vielleicht sollte er es einfach mal versuchen. Den inneren Schweinehund überwinden. Die dicke Jacke an und raus. Zu Fuß finden sich in der Natur die schönsten Momente, was jeder Wanderer voller Stolz bestätigen wird. Denn genau dafür gehen die raus. Und wenn der Halter dazu nicht in der Lage ist, dann kann das vielleicht die Familie übernehmen. Oder die Nachbarn. Sicher findet sich da jemand, der ihm mit Freude diese Last abnimmt. Ohne Umweltbelastung und Risiko.

Vorsätze

Die beiden Hundeausfahrer auf meiner Strecke haben neugierig gemacht. Warum tun sie das? Gibt es für ihr Tun keine Alternativen?

Ich werde es vermutlich nie herausfinden. Dafür sind die Begegnungen einfach zu selten und die Überraschung ist in dem Moment zu groß. Aber sollte mir einer von beiden wieder mal auf meiner Tour über den Weg fahren, werde ich einfach fragen. Und nicht eher lockerlassen, bis ich aus ihnen herausgelockt habe, ob sie schon mal darüber nachgedacht haben, was sie da tun. Und ob sie das vielleicht überdenken können. Einfach fragen. Für meine Neugier und das Gefühl, meinen eigenen Beitrag für die Sicherheit und unsere Umwelt geleistet zu haben.

Appell

Liebe Hundebesitzer
und Mitbürger, die sich Gedanken machen, sich einen solchen zuzulegen,

bitte, bitte bedenkt im Vorfeld, dass auch der kleinste Hund seine Ansprüche hat. Und das sind nicht nur sein warmer Schlafplatz und die geregelten Mahlzeiten. Nein, wie auch wir braucht ein Hund seine regelmäßigen Reize. Körperlicher und geistiger Art. Das sind der Auslauf und die Erfassung der Natur in all ihren Facetten. Also nach Herzenslust zu rennen und an allem zu schnüffeln, was so vor die feinsinnige Hundenase kommt.

Solltet ihr oder euer Umfeld dies nicht bereitstellen können oder dafür im Vorfeld schon geringste Zweifel bestehen, tut euch und dem Hund einen Gefallen. Genießt die Begegnungen mit anderen Hunden, plaudert mit den Besitzern und streichelt den Vierbeiner nach Herzenslust. Aber bitte, bitte lasst die Idee vom eigenen Vierbeiner ganz schnell fallen.  

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