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Ungeimpft im Abseits

Gerecht oder ungerecht?

In gar nicht allzu ferner Zukunft

Drei Pärchen treffen sich zu einem Spieleabend bei einem dieser zu Hause. Die Stimmung ist gut und nach ca. 3 Stunden entschließt man sich, nach den anstrengenden Stunden im Gebäude einfach mal eine kleine Runde vor der Tür zu drehen. Es ist frisch geworden und man entscheidet sich spontan, den Abend irgendwo in einer Gaststätte ausklingen zu lassen. Zocken macht Hunger. Der Weg zur nächsten Pizzeria ist nicht weit und kurze Zeit später steht man am Eingang. Und dort findet sich geschrieben: „Zutritt nur für Gäste mit Corona-Impfung“.

Zwei Pärchen lesen dies und treten ohne zu überlegen ein. Das dritte schaut sich verlegen an und bleibt vor der Tür stehen. Auf die fragenden Blicke der anderen kommt die Antwort: „Wir waren uns nicht sicher, ob wir uns impfen lassen sollen. Wir möchten noch Nachwuchs und scheuen das Risiko. Deshalb sind wir nicht geimpft“.

Das Ende vom Lied: Die so harmonischer Runde wurde zerrissen. Und die beiden ohne Impfung machen sich enttäuscht auf den Weg nach Hause.

Hintergrund

Wir haben Ende Februar 2021 und die Impfstoffversorgung ist in der Corona-Pandemie nach wie vor stockend. Mittlerweile sind die gewillten über 80-Jährigen zu einem Großteil geimpft und man schickt sich an, die Personen der Gruppe „2“ zu impfen. Also die 70- bis 80-Jährigen, Lehrer und Personen, die durch verstärkten Kontakt mit anderen Menschen in größerer Gefahr sind, sich anzustecken.

Wir befinden uns aktuell immer noch im Lockdown, dem verschärften. Es begann Anfang November des Vorjahres mit dem „Lockdown Light“ und immer noch stehen wir vor verschlossenen Geschäften, Gaststätten und Fitnessstudios. Dazu die nunmehr ewig erscheinenden unmenschlichen Kontaktsperren. Auch die Schulen sind nach wie vor geschlossen. Kindertagesstätten ebenso. Aber hier gibt es mittlerweile etwas Bewegung.

Trotz aktuell wieder steigender Fallzahlen (die „Inzidenz“ ist nach wie vor ein heißes Thema“) sind wir alle am Ende unserer Kraft. Doch es gibt ein wenig Hoffnung. Es sollen Lockerungen kommen. Auch Öffnungen. Und bestehen Überlegungen, bereits Geimpften bzw. denjenigen, die bereits Corona hatten, die Möglichkeit zu geben, das Leben fast schon uneingeschränkt zurückzugeben. Das aktuell heiß diskutierte Thema ist der „Impfpass“. Ob gedruckt oder online – man weiß es noch nicht. Viele Länder haben ihn schon, die EU wird ihn auch einführen. Und die Reisebranche springt eifrig auf den Zug, denn sie wittert zumindest wieder einige Umsätze.

Aber muss man sich wirklich impfen lassen, um wieder ein lebenswertes Leben zu führen?

Impfverweigerer – Gründe

Aktuell ist in Deutschland der Anteil derer, die sich nicht impfen lassen wollen, recht hoch. Das kann verschiedene und durchaus nachvollziehbare Gründe haben. Zum einen natürlich mögliche Risiken. Also nicht nur das, was direkt nach dem Impfen passiert, sondern das, was heute noch keiner absehen kann. Immerhin ist der Stoff ja erst ein paar wenige Monate im Umlauf. Verweigerung aufgrund religiöser bzw. kultureller Überzeugung spielt ebenso für viele eine Rolle. Und ein paar ganz Versessene glauben nach wie vor auf die verbreiteten Verschwörungstheorien und sind überzeugt, dass uns mit der Ampulle etwas untergejubelt werden soll.

Der Großteil jedoch, der ist einfach nur vorsichtig und möchte abwarten. Oder lehnt generell jegliche Art der Impfung ab.

Es gibt also durchaus triftige Gründe, erst einmal die Finger von den neuen Impfstoffen – egal von welchem Unternehmen kommend – zu lassen.  

Folge

Wir stehen also vor einer Zweiklassengesellschaft. Die einen, die das Glück haben, bereits geimpft worden zu sein. Das sind aktuell die Menschen über 80 Jahre, Risikopatienten und medizinisches Personal.

Darüber hinaus und aktuell in den Medien heiß diskutiert, sind die Vordrängler. Diese haben sich die Dosis unberechtigterweise geben lassen. Guter Beziehungen sei Dank. Wenn man sich die Szenarien anschaut, haben die alles richtig gemacht. Denn in der EU lässt es sich bald mit Impfausweis deutlich besser leben als ohne. Man kann wieder in den Urlaub fliegen, Restaurants besuchen, in den Geschäften flanieren und überall und ohne Einschränkung Sport treiben.

Und der Rest schaut in die Röhre. Obwohl er bereit ist, sich umgehend impfen zu lassen.

Kein Wunder, dass nun die hitzige Diskussion aufkommt, ob das ethisch überhaupt korrekt ist. Auf der einen Seite stehen die Glücklichen. Und auf der anderen Seite, die auch gerne am normalen Leben teilhaben möchten, aber nicht die Chance bekommen, das zu tun. Denn wir haben Impfstoffmangel.

Dazu der Blick auf die Impfplanungen. Denn diese sind öffentlich zugänglich.

Mein Impftermin

Ich habe mich im Internet unter dem Link „https://www.omnicalculator.com/health/impfterminrechner“ schlau gemacht. Unter diesen Link kann man abfragen, wann man in etwa damit rechnen kann, geimpft zu werden – sofern man will und nicht wieder irgendwas mit der Versorgung schiefgeht.

Dort habe ich mein Alter eingegeben, meine Risikofaktoren und dass ich keine Risikopatienten zu betreuen habe. Also das, was wohl für viele Menschen zutrifft. Bei 52 Jahren Lebensalter, keinen Risikofaktoren und keinen zu betreuenden Risikopatienten ein ernüchterndes Ergebnis:

Es befinden sich – Stand 28.02.2021 – noch 21.073.914 Personen vor mir in der Warteschlange. Somit kann ich bei realistischer Versorgungslage mit Impfstoff meine erste Dosis zwischen dem 03.06. und 15.09.2021 erwarten. Die zweite dann zwischen dem 24.06. und 06.10.2021. Das ist noch verdammt lange hin. Und es gibt Menschen, die noch deutlich jünger sind und damit noch weit hinter mir stehen.

In Konsequenz und im Falle der Priorisierung Geimpfter dreht sich die Welt für mich noch bis Anfang Oktober deutlich langsamer.  

Ist das fair?

Man sollte bei alledem auch bedenken:

  • Wir haben bereits den größten Teil der Risikopatienten geimpft. Denen kann schon mal nicht mehr viel Corona-mäßig passieren.
  • Jeder verstrichene Tag bringt mehr Sicherheit, denn es wird weiterhin geimpft. Die gefährdeten Risikogruppen werden immer kleiner.
  • Der von unserer Regierung gerne zitierte Inzidenzwert ist in den letzten Wochen immens gefallen und stagnieren aktuell ein wenig. Bis auf diejenigen unverbesserlichen, die ihre Partys ungeachtet alledem gefeiert haben, haben wir alle gemeinsam gelitten. Von jung bis alt, greifen wir förmlich nach jedem Strohhalm, der uns ein Stück Normalität zurückbringt.
  • Die betroffenen Unternehmen liegen am Boden. Und das sind nicht wenige. Der Anteil derer, die nie wieder ihre Türen öffnen, wird uns allen die Sprache verschlagen. Mit jedem Tag der Abschottung steigt der Insolvenzgrad unerbitterlich.
  • Wie gerne möchten wir wieder miteinander lachen, uns anstrahlen, lächeln und den anderen mit einem Handschlag begrüßen. Oder unser Mitgefühl ohne Maske zeigen und leidende einfach mal wieder in den Arm nehmen. Wärme und Nähe geben.

Und jetzt noch die Meldung mit dem Impfausweis. Das Leben ist momentan nicht einfach.

Fazit

Die Vorstellung, dass an den Stränden der Urlaubsregionen nur noch ältere Menschen liegen könnten, ist abstrus. Dass wir vor dem Eintreten ins Kino, Konzert oder das Restaurant unseren Impfausweis zücken müssen, erscheint wie von einer anderen Welt. Wer Sport treiben will, muss Corona gehabt oder das Glück haben, zu den Risikogruppen zu zählen.

Und der Rest bleibt draußen.

Gerade diejenigen – meist Jüngeren – die Dank Homeschooling, Homeoffice und Kurzarbeit eh schon auf dem Zahnfleisch gehen, müssen weiter ausharren, während andere wieder den Sinn am Leben erfahren können. Ist das gerecht?

Warum nicht alles gemeinsam öffnen?

Unsere Risikopatienten sind geimpft. Die Durchdringung schreitet dank laufender Impfung in großen Schritten voran. Und die Menschen, Unternehmen, Tiere,…  leiden seit Monaten. Die Akzeptanz der Bevölkerung für die Abschottung, Schließung und Entfremdung schwindet mit jedem Tag. Wir sehen aktuell durch den erfolgten Rückgang der Inzidenzwerte wieder etwas Licht am Ende des Tunnels aufflackern.

Lasst uns gemeinsam ins Licht schreiten. Schritt für Schritt. Arm in Arm.

Und lasst unsere Hoffnung leben, dass dies nicht wieder von irgendwelchen Zahlen gesteuert wird. Sondern von Menschlichkeit. Lasst uns wieder gemeinsam Menschen sein.

 Ausblick

Jetzt Ende Februar 2021 blicken wir gemeinsam auf eine Zeit der Ungewissheit. Wir rätseln, was noch kommen wird und welche schlimmen Dinge unser Leben möglicherweise weiterhin einschränken werden. Wir fühlen uns machtlos. Machtlos gegenüber der Zukunft, die wir nicht selbst bestimmen können.

Wenn wir in einem halben Jahr (vermutlich) durchgeimpft sein werden, blicken wir zurück im Groll. Auf all die Zumutungen, die uns auferlegt wurden. Auf all die Geschäfte und Gaststätten, die Opfer dieser Pandemie geworden sind. Diese haben in dieser Zeit all ihre Hoffnung und all ihr Kapital verloren. Diese bringt uns jeglicher Aufschwung nicht mehr zurück.

Aber wird in einem halben Jahr wirklich alles vorbei sein? Wir werden es sehen. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

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