Modellbau - eine Jugendliebe

Modellbau – eine Jugendliebe

Eine Lieblingsbeschäftigung aufleben lassen

Neuzeitgedanken

Wer hat sie nicht? Die Erinnerungen aus der Kindheit, die uns schlagartig in die schöne und heile Welt von damals zurückversetzen. Als Kind konnte man noch richtig genießen. Man lebte im Hier und Jetzt und war frei von Sorgen.

Heute kreisen die Gedanken sehr oft nicht im Jetzt, sondern im Später. Wir sind mehr und mehr von unserer Zeit getrieben, hasten von einem Ereignis zum nächsten. Angefeuert von den Gedanken: Was ist noch Wichtigeres zu tun? Welche Sorgen habe ich momentan und wie kann ich diese lösen? Kurzum, dass sich komplett einer Sache widmen fällt uns mit zunehmendem Alter immer schwerer. Wir leben viel öfter im Gestern und Morgen, das Jetzt und Hier ist nur eine vernachlässigte Randerscheinung.

Vergangene Freuden

Das war doch früher ganz anderes. Als Kind oder Teenager hatte man aus heutiger Sicht unschätzbar viel Zeit. Und konnte sich Dingen widmen, für die heute kein Raum mehr scheint. Wenn ich da an meine damalige Zeit zurückdenke, schien diese damals stillzustehen. Man lebte in den Tag und genoss den Moment, ohne auch nur einen Gedanken an Stress, Sorgen und Ängste zu verschwenden.

Da waren bei mir die vielen Stunden am Radio mit dem Finger auf dem Aufnahmeknopf des Kassettenrecorders, um das perfekte Lied mitzuschneiden. Oder das stundenlange Treffen mit Gleichaltrigen am Lebensmittelladen um die Ecke nach den Hausaufgaben. Auch das Zocken am Computer (damals: Commodore C64). Beim Ausprobieren neu eingetauschter Spiele vergaß ich Raum und Zeit. Meine Kinder würden das heute auf Neudeutsch mit „Abhängen“ titulieren.

Fliegende Erinnerungen

Doch die größte Leidenschaft in meiner Kindheit und Jugend waren Flugzeuge. Ich persönlich war von diesen fliegenden Kisten besessen. Alles was Flügel und am besten noch einen Motor hatte, wurde von mir förmlich aufgesaugt. Der Traum vom Fliegen war sehr ausgeprägt. Und eben diesen Traum verfolgte ich in meiner Teenagerzeit am intensivsten mit dem Bau von Revell-Fliegern. Also Modellbausätzen aus Kunststoff. Diese wurden – möglichst ohne hässliche Kleberückstände – fein säuberlich zusammengefügt und hingebungsvoll bemalt. Und als Belohnung hingen sie schließlich stolz als „meine Galerie“ mit Reißbrettstiften befestigt von der Decke.

Der Dreidecker Fokker Dr. 1 – mein erstes Modell nach vielen Jahren

Im Laufe der Zeit kamen viel Exemplare zusammen und auf manche war ich ganz besonders stolz. Das waren dann die kniffligsten Bausätze, die seltensten Flieger oder die mit den schönsten Farben. Oft auch die, die von mir in besonderen Momenten gebaut wurden und dadurch einen außergewöhnlichen Wert hatten.

Abklingende Leidenschaft

Während der Pubertät wanderten die Flieger dann – die Interessenslage war entwicklungsbedingt zu anderen Themen gewechselt – auf den Dachboden. Irgendwann vor vielen Jahren nach dem Studium sind sie dann schließlich respektlos im Müll gelandet, die kleinen Kunstwerke meiner Kindheit. Wenn ich jetzt mit vielen Jahren Abstand darüber nachdenke, ein großer Fehler.

Auflebenlassen

Wir haben nun das denkwürdige Jahr 2020, in dem vieles anders als vorher ist. Andere Dinge haben in 2020 Vorrang und dadurch hat man deutlich mehr Zeit für sich. Abstand, Masken und Enthaltsamkeit von vielen liebgewonnenen Dingen ist das Motto dieser denkwürdigen Monate.

Und genau hier kamen mir die vergangenen Leidenschaften wieder in den Sinn. Die Momente der vermeintlichen Zeit- und Sorglosigkeit. Ich wollte die alten Erinnerungen wieder aufleben zu lassen. Und das war für mich die Zeit des Bastelns und Malens. Für den ein oder anderen Moment in die sorgenfreie Zeit meiner Kindheit/Jugend eintauchen und all die Gedanken an das Morgen beiseitelegen. Das Hier und Jetzt aufleben lassen. Dies soll mein Just do it-Vorhaben für die kommenden Wochen sein.

 Zu diesem Vorhaben möchte ich euch mitnehmen.

Variationen

Sicherlich hattet ihr damals in euerer Jugend andere Vorlieben als ich. Ist ja auch nur zu verständlich, den Modellflugzeugbasteln ist schon sehr speziell. Aber es gab ja genug interessante Alternativen. Zu nennen sind hier die Liebe zu Tieren (Pferde waren in meiner Teenagerzeit der große Renner), Stricken, der Zauberwürfel, die Zeit auf dem Bonanza-Rad oder die ersten großen Kunstwerke auf Leinwand.

Lasst euch für eure persönliche Kindheitserfahrung inspirieren. Nehmt eure Erinnerungen wieder auf und versetzt euch in eure Jugend zurück. Ihr werdet sehen, wie gut das Eintauchen in längst vergangene Momente tut.

Meine Leidenschaft – Modellbau

Schritt für Schritt wieder ausgegraben und in die Welt von früher eingetaucht.

Der komplette Bausatz incl. Pinsel, Farben und Klebstoff.

Mein erster Schritt in die Vergangenheit beginnt mit einer neuzeitlichen Errungenschaft. Denn ich habe mir meinen Fliegerbausatz im Internet bestellt. Bei Amazon. Es sollte ein Fokker Dr. 1 Dreidecker aus den Anfängen der Flugzeuggeschichte sein. Der Flieger des legendären Roten Barons aus dem 1. Weltkrieg. Kein einfacher Einstieg. Denn nicht nur die fliegenden Kisten diese Epoche waren zart und fragil.

Mittlerweile gibt es komplette Bausätze inklusive allem Rüstzeug, das man zum Start in die Modellbaukarriere benötigt. Das sind in meinem Fall Pinsel, Farben, Klebstoff und natürlich die Packung mit den Plastikteilen. Schnell bestellt, lag alles zwei Tage später auf meinem Schreibtisch. Es konnte also losgehen.

Vorarbeiten

Winziges Flugzeug – große Herausforderung.

Beim Auspacken der beiden großen Plastikschablonen, auf denen die ca. 40 Einzelteile meines Fliegers befestigt waren, fiel mir sogleich die Schwierigkeit meines Vorhabens ins Auge: das Teil war ja winzig klein. 8,1 x 10,1 cm im zusammengebauten Zustand. Das hatte ich beim Bestellen übersehen. Aber gut, dann war das erste Projekt halt auch gleich eine echte Herausforderung.

Aufgrund der Größe der einzelnen Bauteile entschied ich mich, bis auf den Gesamtrumpf, der glücklicherweise nur in einer Farbe – Kaminrot – war, diese schon auf der Schablone zu bemalen. Das zog sind ein wenig, denn oft musste die frisch aufgetragene Farbe antrocknen, um mit der nächsten fortfahren zu können.

Direkt auf der Schablone bemalt, ist deutlich einfacher.

Bauarbeiten

Start nach Plan – der Zusammenbau beginnt.

Nach den langen Stunden des Malens und Wartens ging nun die reine Bastelarbeit es los. Genau nach Anleitung wurden die kleinen, sehr fragilen Teile aus der Schablone herausgebrochen, mit der feinen Spitze des Klebstoffs betröpfelt oder bestrichen und zusammengefügt. Anschließend musste das Modell etwas ruhen, um den nächsten Schritt angehen zu können.

Der Dreidecker nimmt Kontur an.

Was nicht so schön war: die langen, dünnen Teile, wie etwa Querstreben am Flügel, die trotz größter Vorsicht beim vorsichtigen Herauslöseversuch auseinanderbrachen. Das Rückgängigmachen des Fauxpas mittels feiner Punktklebung war zeitaufwendig, aber unumgänglich. Und das Ergebnis der Korrektur dann meist rustikal-funktionell. Aber es reichte, um weiterbauen zu können.

So wuchs mit jeder abgearbeiteten Abbildung der Bauanleitung mein kleines Kunstwerk Schritt für Schritt. Unterbrochen durch immer wieder längere Pausen zum Aushärten der erreichten Bauabschnitte. Nach einigen Tagen war dann mein Fokker Dreidecker fertig zusammengesetzt und ausgehärtet. Und ich musste feststellen: er sah auch schon ohne rote Farbe richtig gut aus.

Pinselarbeit

Hier kam dann eine alte Zeitung zum Einsatz. Denn auf dieser erfolgte der vorletzte Arbeitsschritt an meinem Kunstwerk. Die Bemalung. Nachdem die Farbe „Kaminrot“ gut durchgerührt war, begann ich von vorne nach hinten (vom Propeller zum Seitenruder) mit der Beauftragung der Farbe.

Alles parat für den Endanstrich.

Es war nicht einfach. Denn die bereits bemalten Teile sollten ja so vorsichtig umpinselt werden, dass sie dann nicht nochmals nachgebessert werden mussten. Schritt für Schritt wurde aus dem einfachen Plastikteil ein roter Flieger. Zwar bereitete die Größe oder vielmehr die nicht vorhandene Größe des Bauteils manch knifflige Stelle, die umschippert werden musste. Aber ca. eine halbe Stunde später stand schließlich der Flieger in Knallrot auf meiner Zeitungsunterlage.

Nach dem Antrocknen der Farbe fanden sich bei näherer Betrachtung dann doch noch ein paar blanke Stellen, die trotz größter Sorgfalt meinem Pinsel verborgen geblieben waren. Nach deren Beseitigung blickte ich auf mein Werk, den kleinen Fokker Dr. 1 Dreidecker. Nicht nur ich spürte das Gefühl von Zufriedenheit, auch der Rote Baron wäre stolz auf mich gewesen.

Bilderchen

Die aufgebrachten Wasserablösebilder runden den Flieger ab.

Die Abschlussarbeiten gestalteten sich schließlich recht flott. Die dem Bausatz beigefügten Aufkleberchen mussten aufgebracht werden. Dazu wurden die für jeden Abschnitt benötigten Bilder mit der Schere ausgeschnitten und zum Einweichen in ein mit Wasser gefülltes Schälchen gelegt. Nachdem sich diese ein paar Minuten später vom Grund lösen ließen, brachte ich sie mithilfe einer Nadel und Pinzette auf dem roten Flieger an.

Kleiner Aufwand, große Wirkung. Fertig bebildert sah der Dreidecker für mich schon fast professionell aus. Von allen Seiten bewunderte ich dieses kleine Ding und die Brust fühlte sich mit Stolz. Nun musste die Fokker Dr. 1 nur noch komplett trocknen und dann sein Plätzchen in meiner Wohnung finden.

Ergebnis

Fast 40 Jahre nach der für mich so prägenden und erfüllenden Kindheit und Jugend war es nicht einfach, die Zeit zurückzudrehen. Man musste sich erst wieder ins Basteln hineinfinden. Die kleinen Teile waren wirklich verdammt unhandlich und zerbrechlich. Und im nunmehr reifen Alter über 50 Jahren fällt es nun mal nicht mehr so leicht, mit solch kleinen, diffizilen Teilen zu hantieren. Auch die Bemalung benötigte viel Konzentration, denn die Striche sind nicht mehr so routiniert und mancher Versuch ging ganz schön daneben.

Aber eines hat mir der Tripp zurück in die Vergangenheit gezeigt: Modellbausätze machen richtig Spaß. Auch wenn nicht jedes Teil genau so sitzt, wie in der Bauanleitung dargestellt, ist das Gesamtwerk durchaus sehenswert.

Der Fokker Dr.1 Dreidecker wanderte an einen ihm würdigen, repräsentativen Platz im Wohnzimmer direkt neben dem TV. Und er wird dort definitiv nicht lange alleine bleiben. Denn ich habe Blut geleckt.

Fazit

Es macht Spaß, für einige längeren Momente wieder jung und unbesorgt zu sein. Sich bewusst zu werden, wie schön, ziellos und herrlich stressfrei die damals zu Verfügung stehende Zeit war.

Fertiger Modellbausatz – der ganze Stolz des Bastlers.

Manch einer mag argumentieren, die vielen Stunden, die man sich (wie ich dem Modellbasteln) seiner Beschäftigung widmete, hätten sinnvoller genutzt werden können. Durchaus berechtigt. Denn für den Aufwand war das Ergebnis schon sehr bescheiden. Doch die Momente in vollständiger Konzentration, im kompletten Hier und Jetzt, waren es allemal wert. Mal nicht an die Sorgen und Nöte denken, die einen beschäftigen. Die Welt um einen herum einfach vergessen lassen und sich einer Sache vollkommen widmen.

Eine Erfahrung, die jede „vergeudete“ Sekunde doppelt zurückzahlte.

Appell

Oft erwische ich mit dabei, stundenlang in alten Büchern herumzustöbern. Oder wie im obigen Fall mich unendliche Zeit mit einem Plastikbausatz zu beschäftigen. Die Zeit scheinbar ungenutzt zu konsumieren, denn es gibt kein sinnvolles Ergebnis. Und Ergebnisse möchte man im Erwachsenenalter bei jeder Tätigkeit gerne vorweisen.

Man sollte sich immer bewusst sein, dass Zeit zwar ein kostbares Gut ist. Ein Gut, das dennoch aber auch zum Konsum gedacht ist. Für die eigene Verwendung. Also auch für die Dinge, die „einfach“ nur Spaß machen und völlige Hingabe, Entspannung sowie Zufriedenheit bringen.

Nehmt euch bewusst Zeit für diese Momente. Genießt ohne Reue die Zeit, die ihr einfach so konsumiert. Denn diese ist unglaublich wichtig für das eigene Wohlbefinden. Und sind es nicht die schönen, entspannten Momente, die uns im Nachhinein in ganz besonderer Erinnerung bleiben?

Just do it!

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