Es ist März und die Beine jucken nach der ersten Radtour des Jahres.

„Ankurbeln“ der E-Fahrradsaison

Situation

Wir haben den 14. März 2020, das erste Mal gefühlt keinen Frost und die Sonne scheint. Letzteres ist besonders erwähnenswert, da Sonnenschein in diesem Jahr bisher eher die Ausnahme war. Und das Datum deshalb, weil wir aktuell mitten in der „Coronapandämie“ stecken.

Wer die Medien verfolgt, bekommt zum einen nichts anderes als dieses Thema präsentiert. Und zum anderen das Gefühl, dass momentan alles verrücktspielt. Wer Smalltalk sucht, wird aktuell bei Corona ausgiebig fündig.

Alles, was unter „Sozialkontakt“ oder „Öffentlich“ fällt, ist abgesagt oder verboten. Kein Fußball, keine Formel 1, keine Konzerte. Und als ob das nicht schon genug wäre, sind wir eigentlich aufgrund unserer Verantwortung verpflichtet, keinerlei sozialen Kontakt zu pflegen. Die alten Römer nannten das „Ora et labora“. Wobei ersteres ja auch sozial ist, wenn man nicht alleine betet. Also nur labora. Arbeiten und dann ab in die vier Wände zu Hause.

Ansporn

Die Natur ruft. Sonnenschein am Start.

In dieser Situation fiel eine Bemerkung eines aktuell wie Pilze wild aus dem Boden sprießenden Star-Virologen bei mir auf fruchtbaren solchen. „Draußen zu sein und sich zu bewegen ist das Beste, was man im Moment machen kann“. Yes. Ein Lichtblick. Dann aber wohl eher alleine. Es ist zwar draußen deutlich sicherer, aber auch da kann man sich anstecken.

Also alleine Laufen, Spazierengehen, Wandern oder Radfahren. Und das passte an diesem Tag besonders gut. Der Blick aufs Thermometer sagte ca. 8 Grad Celsius. Das sollte fürs Radfahren ausreichend sein. Gemäß dem Motto „alleine vor die Tür“ entschloss ich mich, die Hühner zu satteln und mit meinem grünen Rad ab in die frische Natur zu fahren. Und neben der Betätigung dann alle trüben Gedanken zurückzulassen und einfach nur den Moment zu genießen.

Es bot sich hier für den Einstieg meine geliebte „Hausrunde“ an. Ca. 30 Kilometer waren nicht zu viel für den Körper, denn ohne Training wollte ich es nicht gleich übertreiben. Die letzte Tour lag immerhin knapp 5 Monate zurück. Und 30 Kilometer waren auch nicht zu wenig für den Kopf. Dieser sollte ja auch das Gefühl haben, etwas Besonderes geleistet zu haben. Also statt Ponyhof „richtige“ Anstrengung.

Los geht‘s

Zwei Dinge mussten vorab erledigt werden: Das (E-)Fahrrad entmottet und der Akku aufgeladen werden. Als es dann so draußen vor der Garage in der Sonne stand, fiel mir wie Schuppen von den Augen, was ich die letzten Monate vermisst hatte. Eingesperrt in Gebäuden ohne herrlichen Fahrtwind, berauschende Geschwindigkeit und das leichtgängige Dahingleiten. Aber das sollte ja bald Geschichte sein. Beim Anblick bekam ich richtig Bock aufs Radfahren. Es kribbelte.

Matsch und Schotter - herrlich.
Matsch und Schotter – herrlich.

Also schnell rein in die Radmontur und ab aufs Rad. Die ersten Meter fühlten sich in der Tat schon recht komisch an. Man merkte, dass sich die Muskeln und Gelenke die letzten Monate intensiv ausgeruht hatten. Sie mussten sich erst wieder an die Belastung gewöhnen. Enthusiastisch und voller Energie ließ dies auch nicht lange auf sich warten.

Denn nach ein paar Kilometern machte es wieder richtig Spaß. Vom Regen der vergangenen Wochen aufgeweichte Böden machten diese zwar glitschig, aber auch herrlich matschig. Ab ging es mitten durch die Pfützen. Und den tiefsten Matsch. Durch jede mit Vehemenz genommene Kuhle, jeden Brocken Matsch auf dem Shirt wuchs die Freude. Das Grinsen in meinem Gesicht wollte gar nicht mehr verschwinden. Mit jedem durchfurchten Schlagloch wurde ich ein paar Jahre jünger. Ach, war das schön. Mein Jungbrunnen.

Dazu passte auch das Ambiente. Die langsam erwachende Natur zeigte bereits Grünansätze. Das Gras wirkte schon deutlich saftiger grün als die Woche zuvor. Die Vögel genossen vergnügt zwitschernd den ersten Frühlingshauch. Und in der Luft schwebte der Duft von Freiheit. Sah man von den ersten Gülleauflagen auf den Wiesen ab, roch es herrlich nach Natur, Frühling und Freiheit.

Begegnungen

Und diesen Duft hatten wohl auch die Hunde gewittert. Und auch deren Herrchen und Frauchen.  An allen erdenklichen Stellen und Ecken kamen mir Hunde entgegen. Natürlich (schlussendlich) vorschriftsmäßig mit Herrchen an der Leine. Das Schauspiel, das sich mir bis dahin bei jeder meiner Begegnungen bot, war in seiner Entstehung gleich. Das Ergebnis jedoch immer wieder ein Erlebnis.

Die Natur erwacht – und mein Rad mittendrin.

Herrchen bzw. Frauchen sahen mich. Bekamen im ersten Moment einen riesigen Schreck im Gesicht. Der Ausdruck „Was will der denn hier?“ war wie dort aufgedruckt deutlich zu erkennen. Im gleichen Zug kam dann auch schon ein Pfiff oder ein Schrei. „Goliath, hierher!“. Goliath wollte eingefangen werden. Doch der empörte Laut ging meist ins Leere, hatte der liebste Freund des Menschen doch anderes im Sinn. Also hechelte der Besitzer entrüstet und mit rotem Kopf hinter dem Vierbeiner her. Und – wenn er Glück hatte und/oder schnell genug war – fand sich dieser (das Herrchen/Frauchen) schnell genug an der Leine.

Doch wie so oft im Leben, ging das meist in die Hose. Die mehr oder weniger kleinen Haustiere flitzten vergnügt heran, um mein Rad herum und nahmen anschließend das Rennen auf. Glücklicherweise gab es keine gravierenden Vorfälle wie Hund in Speiche/unter Vorderrad oder Hundeschnauze in Bein und so blickten sich Radler und Herrchen/Frauchen beim Vorbeidüsen meist verschmitzt in die Augen.

Naturfreuden

Es ging über Berg und Tal. Über Schotterpisten, Wiesenwege, Asphalt, durch tiefe Pfützen und saftige Matschtümpel. Und das durch Feld, Wald und grüne Wiesen. Vorbei an den beschäftigten Menschen, die den Tag an der Sonne genossen und an der frischen Luft den Abstand zur Pandemie suchten. Vorbei auch an den vielen Traktoren, die die ersten Aufgaben des herannahenden Frühlings aufnahmen. Und über allem schwebte eine geschäftigte Zufriedenheit. Das tat so gut, ich hätte die Fahrt stundenlang genießen können.

Es war aber leider nicht alles toll. Denn Fahrtwind und langsam untergehende Sonne brachten Kühle. Und bei mittlerweile deutlich unter 8 Grad und oft von Wolken verborgener Sonne verdammt viel Kühle auf der geschwitzten Haut. Also kann es, wie es kommen musste. Nach ca. einer Stunde waren die Füße kalt, Hände und Ohren sowieso. Gerade bei den Abfahrten blies der Wind eher winterlich auf den armen Radler ein. Aber egal. Eine Abkürzung oder gar Abbruch der Fahrt war keine Option. Man hat ja auch seinen Stolz.

Endspurt

Waldweg zum Gasgeben – Fahrt ins Glück.

Kurz bevor ich auf die Zielgerade zu meinem Heimatort einbog dann das Lieblingsstreckenstück, ohne welches ich eine Radtour niemals beenden kann. Leicht abschüssig, Wiesenweg, Allee. Als dann zur Belohnung auch just in diesem Moment die Sonne hinter den Wolken hervorblickte, war das Glück perfekt. Wirklich alles, was das Herz begehrt. Alles perfekt angerichtet für den ultimativen Genuss.

Von einer abschüssigen Strecke kommend, bog ich mit Vollgas auf „mein“ Streckenstück ein. Die Ohren eingezogen, den Helm knapp über den Augen verschweißt, angespanntes Gesicht und tief über den Lenker gebeugt flog ich über das holprige Stück. Jede überwundene kleine Vertiefung im Boden war Freude pur. Und die langen, auf den Weg überstehenden Äste dafür da, sie im Vorbeifliegen wie die Skifahrer einfach locker wegzufegen.

Vergessen war der kalte Wind. Vergessen waren die brennenden Beine und die mittlerweile tauben Füße. Und vergessen waren auch alle Sorgen dieser Welt. Denn dieser Moment zog mich in seinen Bann. Zwei Minuten „Radler‘s High“, also der Moment absoluten Glücks. Für diese zwei Minuten nimmt man den längsten Weg, die größte Strapaze und die tiefste Kälte auf sich.

Ausklang

An diesem Gefühl purer Zufriedenheit konnte dann auch die unfreundliche ältere Dame auf der Zielgeraden zur Haustür mit ihren zwei verwöhnten, freilaufenden Hunden nichts mehr ändern. Als sie mich beim Heranfahren im letzten Moment wahrnahm, ihre Lieblinge und sich gerade noch mit einem schnellen Sprung nebst schrillem Schrei vor mir in Sicherheit bringen konnte, raunzte sie mir von hinten wutentbrannt nach: „Du, du hast nicht geklingelt“. Da fiel es mir schlagartig ein. Das, was ich mir das letzte Jahr beim Einmotten vorgenommen hatte, unbedingt noch zu besorgen.

Matsch am Helm – nicht Dreck, sondern Trophäe.

Aber auch das tat der ersten, unbeschreiblich schönen, „Ankurbeltour“ des Jahres absolut keinen Abbruch.

Der Anfang war gemacht!  

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